Grußwort von Prof. Dr. Wolf Singer

Grußwort zur Kundgebung, anlässlich des 5. Jahrestages der Eröffnung der Landebahn Nordwest, am 21.10.2016, von Prof. Dr. Wolf Singer

Liebe Mitstreiter,

wolf-singerwnun sind fünf Jahre ins Land gegangen, seit die Bewohner ganzer Landstriche mit Entsetzen erlebten, welchen Lärmbelastungen sie hinfort ausgesetzt werden würden. Obgleich sich das Flugaufkommen in den Jahren davor und seither nur unwesentlich verändert hat, wird die neue Landebahn nicht als Überlaufbahn für Stoßzeiten genutzt sondern sie wurde von Anfang an voll integriert. Die Hälfte aller Landungen wird über diese Bahn abgewickelt. Die bisherigen Maßnahmen, etwas steilere Anflugwinkel und die Lärmpausenregelung, haben naturgemäß zu keinen spürbaren Entlastungen geführt, aber sie zeigen zumindest, dass die Proteste nicht ungehört blieben.

Auch die Absicht, Lärmobergrenzen einzuführen und die Einrichtung einer Stabstelle für Fluglärm dürften unmittelbare Folge anhaltenden Widerstands sein.
Der Umstand, dass Sie heute so zahlreich zusammengekommen sind, belegt, dass sich Menschen an Einzelschallereignisse nicht gewöhnen können. Unsere Sinnessysteme sind daraufhin ausgelegt, uns zu alarmieren wenn sich in unsere Umgebung plötzlich etwas verändert. Sie wecken uns, bereiten uns auf Abwehr oder Flucht vor und versetzen uns in einen erregten Zustand. Weil diese Funktionen überlebenswichtig sind, entziehen sie sich bewusster Kontrolle. Auch wenn man einigermaßen sicher sein kann, dass von dem sich nähernden Objekt, das sich durch anschwellenden Lärm ankündigt, keine direkte Gefahr ausgeht, wachen wir auf – und wenn wir bereits wach sind, werden wir gezwungen, die Aufmerksamkeit auf dieses Objekt zu lenken. In beiden Fällen bereiten unbewusste Reflexe den Körper auf Abwehr vor. Es kommt zu einer Stressreaktion.

Dass es seit fünf Jahren nicht schlimmer wurde verdankt sich leider nicht selbst auferlegten Beschränkungen der Fraport, sondern allein den Entwicklungen im internationalen Luftverkehr. Die Flugbewegungen nahmen nicht ab, weil sie aktiv begrenzt wurden, sondern weil die Nachfrage weit hinter den Prognosen zurück blieb. Wie die Reaktion der Fraport auf die Ankündigung der Festschreibung einer Lärmobergrenze verrät, gibt es jedoch nach wie vor keine erkennbare Bereitschaft zur Selbstbeschränkung. Dies ist auch nicht zu erwarten, solange Aufsichtsräte und Vorstände von Aktiengesellschaften gesetzlich dazu verpflichtet sind, ausschließlich darauf zu achten, Profit zu maximieren und die Erwartung der Aktionäre auf Vermehrung ihres Einsatzes zu bedienen. Würden die Verantwortlichen aus moralischen Gründen das Wachstum ihres Unternehmens durch Selbstbeschränkung begrenzen, würden sie sich strafbar machen – so die Auskunft von Fraportvertretern auf die Frage nach den Gründen der unbeugsamen Haltung.

Es wird also darum gehen, auf eine Änderung der Gesetze hinzuarbeiten. Von jedem von uns wird verlangt, dass wir als moralische Wesen nicht nur im Rahmen des vom Gesetz Erlaubten handeln, sondern dass wir unser Tun auch an unseren eigenen moralischen Ansprüchen ausrichten. In der Wissenschaft gilt seit langem, dass Forschungsvorhaben ethischen Bewertungen unterworfen werden müssen und nur umgesetzt werden dürfen, wenn Ethikkommissionen zugestimmt haben – und das, obgleich schädliche Nebenwirkungen in vielen Fällen nur hypothetischer Natur sind. Wir brauchen eine Änderung der Gesetze, die das Geschäft unserer anonymen Aktiengesellschaften und GmbHs neu regeln. Auch hier müssen Instanzen geschaffen werden, die sicherstellen, dass Vorhaben nicht nur nach utilitaristischen sondern auch nach ethischen Kriterien bewertet werden, bevor sie realisiert werden dürfen. Wirtschaftssysteme, deren oberste Priorität Wachstum und Profitmaximierung ist und deren Verfasstheit die Zuschreibung von Verantwortung für ökologische und gesamtgesellschaftliche Belange vereitelt, laufen Gefahr, den Menschen zu entwürdigen anstatt seinen Bedürfnissen zu dienen.

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