Verzögerung kommt nicht unerwartet

Mai 2004
Aussagen:
Klaus Walther, Sprecher der Lufthansa
Gelesen im Darmstädter Echo

Lufthansa wächst künftig in München
Flughafen-Ausbau : Verzögerung in Frankfurt kommt nicht unerwartet – Betreiber Fraport begrüßt Klarheit

Nach Bekanntwerden der Verzögerung beim Ausbau des Frankfurter Flughafens hat die Lufthansa erklärt, an ihrem Drehkreuz Frankfurt festhalten zu wollen. Wachstumsmöglichkeiten im Luftverkehr würden künftig allerdings “verstärkt in München wahrgenommen”, erklärte der Sprecher der größten deutschen Fluggesellschaft, Klaus Walther, am Dienstag. Die Lufthansa hat ihre Basis in Frankfurt, nutzt aber den Flughafen der bayerischen Hauptstadt seit einiger Zeit als zweites Drehkreuz.
Jetzt zeige sich, dass man rechtzeitig die Weichen gestellt habe, sagte Walther. Die Nachricht von der Verzögerung habe die Lufthansa “nicht unvorbereitet” getroffen. In München, wo die Lufthansa und ihre Partnergesellschaften in der “Star Alliance” derzeit jährlich etwa 18 Millionen Passagiere beförderten, sei noch eine Steigerung um 40 Prozent auf 25 Millionen möglich – bei weiteren Ausbaumaßnahmen sogar bis auf 45 Millionen. In Frankfurt fertigt die Lufthansa nach Walthers Angaben derzeit 40 Millionen Passagiere pro Jahr ab.
Die Vereinigung hessischer Unternehmerverbände sprach von einem herben Rückschlag für die Rhein-Main-Region. Ihr Geschäftsführer Volker Fasbender forderte die Landesregierung auf, alles zu tun, um den nun vorgestellten Zeitplan zu verkürzen. Die Industrie- und Handelskammer Frankfurt unterstrich die Bedeutung des Flughafenausbaus für die wirtschaftliche Entwicklung der Region. Hauptgeschäftsführer Wolfgang Lindstaedt erklärte, ein verlässlicher Zeithorizont schaffe Planungssicherheit.
Zu den schwierigsten Hürden beim Flughafen-Ausbau gehört die Chemiefabrik Ticona. Sie liegt nur wenige hundert Meter von der geplanten Landebahn im Nordwesten des Flughafens entfernt. Die vom Chemieunternehmen und Anrainern angerufene Störfallkommission des Bundes hatte deshalb Mitte Februar gegen die Ausbaupläne votiert. Sie stützt sich auf ein Gutachten des TÜV Pfalz, das einmal in 25 000 Jahren einen Flugzeugabsturz auf das Werk mit mehr als 100 Toten und dem “Totalverlust” der Produktionsanlage annimmt. Dieses Risiko ist laut Störfallkommission nach internationalen Kriterien nicht hinnehmbar.
Die EU hatte Ende März ein Vertragsverletzungsverfahren angedroht, weil das Ticona-Risiko nicht rechtzeitig geprüft worden sei. Später signalisierte die Kommission aber, dass sie auf eine Klage gegen die Bundesrepublik verzichten werde, wenn die Prüfung später erfolgt. Die Landesregierung will dies noch in diesem Jahr bei einer Neufassung des Landesentwicklungsplans erledigen. Dabei müssen auch zwei weitere Ausbauvarianten im Nordosten und im Süden des Geländes sowie der komplette Verzicht auf das Projekt geprüft werden. Die Planungs-Änderung werde voraussichtlich in der zweiten Hälfte 2005 abgeschlossen sein und damit das Genehmigungsverfahren nicht verzögern, sagte Wirtschaftsminister Alois Rhiel (CDU) am Dienstag.
Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) hatte auch eine komplette Verlagerung des Chemiewerks ins Gespräch gebracht, in dem rund 1000 Menschen arbeiten. Dies würde aber erhebliche Kosten verursachen; die Schätzungen schwanken zwischen 300 Millionen und einer Milliarde Euro.
Mit der neuen Landebahn will die Fraport AG die Zahl der möglichen Starts und Landungen um rund 50 Prozent erhöhen. Im Gegenzug soll mit Inbetriebnahme der Piste ein Nachtflugverbot gelten. Derzeit arbeitet der Flughafen an seiner Kapazitätsgrenze.
Mit der Erweiterung ist die Hoffnung auf mehrere zehntausend neue Jobs – die Fraport spricht sogar von bis zu 100 000 – in der Region verbunden. Etwa ein Drittel der Arbeitsplätze sollen dabei am Flughafen selbst entstehen. Bislang arbeiten dort rund 60 000 Beschäftigte.
Ein Sprecher der Betreibergesellschaft Fraport erklärte, nun gebe es “Klarheit über den Fortgang des größten hessischen Investitionsvorhabens der kommenden Jahre”. Entscheidend sei nicht der Zeitplan, sondern das klare politische Bekenntnis zu dem Ausbau.

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