Rede von Pfarrerin Alves-Christe

turm berggemeindeAnlässlich der 52. Montagsdemo sprach Pfarrerin Alves-Christe zu uns.

Liebe Mitstreiter und Mitstreiterinnen!

Wenn ich mich samstags bei der Predigtvorbereitung nicht konzentrieren kann, dann freue ich mich darauf, am Montag wieder mit Ihnen allen hier zu sein. Wenn ich auch sonntags um 5 Uhr aus dem Schlaf gerissen werde und bis zum Gottesdienst keine Ruhe mehr finde, dann hilft es mir zu wissen, daß ich am Montag wieder mit Ihnen allen im Terminal demonstrieren werde. Sie alle, die Sie hier sind, geben mir Kraft, die Woche unter der Überflugbelastung etwas besser zu bestehen. Dafür möchte ich jedem und jeder einzelnen herzlich danken. Auch dafür danke ich Ihnen, daß Sie ja nicht nur für sich selber hier stehen, sondern auch stellvertretend für die, die gar nicht die Kraft und das Geld und die Gesundheit haben, um Montag für Montag hier dabei zu sein.

Wenn Politiker – gleich welcher Partei – mit Kirchenvertretern zusammentreffen, dann betonen sie jedesmal, wie wichtig für unsere Gesellschaft christliche Werte seien.

Auch von Schäfer-Gümbel, ja sogar von Koch und von Bouffier habe ich das schon gehört. Angesichts der extremen Belastung großer Teile der Bevölkerung durch ständige Überflüge frage ich mich, was solche “Sonntagsreden” von Politikern wirklich wert sind und möchte heute einmal daran erinnern, was christliche Werte wirklich sind. Ich habe mir dazu das Naheliegendste ausgesucht und möchte kurz zu einigen der 10 Gebote der Bibel Stellung nehmen.

 

Das 1. Gebot lautet: Ich bin der Herr, dein Gott.

Du sollst nicht andere Götter haben neben mir:

Viele Wirtschaftsunternehmer unserer Tage haben einen erstaunlich festen, unerschütterlichen Glauben. Sie glauben unbeirrbar an ein nicht endendes Wachstum. Sie glauben, daß es immer so weitergehen kann mit ihrer Gewinn-maximierung. Ihr Götzendienst ist die Anbetung von Geld, Gewinn und Rendite. Sie sind vernarrt in ihren Profit. Die Bibel nennt solche Götter Mammon und sagt: Du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon.

Wir alle hier sind Opfer eines solchen Irrglaubens, einer solchen Vergötterung des Wachstums. Menschen, die eine Wachstumsideologie als Götzen anbeten, verlieren den Blick dafür, wie sehr sie anderen Menschen Schaden zufügen.

 

Das 2. Gebot: Du sollst den Namen Gottes nicht mißbrauchen.
Dazu möchte ich nur sagen: man soll auch das C für „christlich“ nicht mißbrauchen, d.h. nicht im Namen führen, wenn man nicht bereit ist, sich seinen Mitmenschen gegenüber christlich zu verhalten, sprich: sich dafür einzusetzen, daß Menschen nicht länger unerträglichen Belastungen ausgesetzt werden.
Das 3. Gebot: Du sollst den Feiertag heiligen.
Ich bin davon überzeugt, daß es für unser aller Gesundheit wichtig ist, einen Tag in der Woche herauszunehmen aus dem Jagen nach Gewinn, daß es allen gut tun würde, einen Tag zu ruhen von unseren Werken. Mir gefällt ein Slogan, mit dem die Kirche sich für den Schutz des Sonntags einsetzt. Er lautet: Ohne Sonntag gibt‘s nur noch Werktage. Aber bei uns unter der Einflugschneise gibt es sowieso nur noch Werktage. Wenn schon um 5 Uhr die Sonntagsruhe zerrissen ist, dann wird es mir als Christin verwehrt, den Sonntag heilig zu halten. Die Formulierung unseres Grund-gesetztes, daß der Sonntag als Tag der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt ist, empfinde ich als Hohn.

 

Das 5. Gebot: Du sollst nicht töten.
Martin Luther hat erklärt, daß dieses Gebot viel weiter zu fassen ist als nur auf direkte Tötungsdelikte:

Er schrieb im Kleinen Katechismus: Was ist das?

Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserm Nächsten an seinem Leibe keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und beistehen in allen Nöten.

Diese Hilfe ist genau das, was wir unter der Einflugschneise dringend brauchen.

Einen solchen Hilferuf trage ich jeden Montag auf meinem Schild mit mir herum.

Darauf habe ich geschrieben:

Ich brauche Hilfe!

Ich kann mich nicht mehr konzentrieren!

Ich kann nicht mehr (ausreichend) schlafen!

Ich kann nicht ungestört arbeiten!

Ich kann nicht mehr in Ruhe lesen!

Ich kann mich nicht mehr entspannen!

Ich lebe in einem Unrechtsstaat, der die Geldgier der Fraport höher achtet als mein Recht auf körperliche Unversehrtheit.

 

Das 6. Gebot: Du sollst nicht ehebrechen.
Zu allem Schaden, den die Flughafenerweiterung unserer Region gebracht hat, muß ich als Seelsorgerin hinzufügen, daß die Überflugbelastung sogar den Bestand von Ehen und Familien gefährdet. In vielen Häusern unter der Einflugschneise steigt die Gereiztheit. Der Haussegen hängt schief. Etwa so: Er will nur noch weg, sie kann sich nicht vorstellen ihre Heimat zu verlassen. Was für eine Zerreißprobe wird den Ehen und Familien zugemutet!

Es darf doch nicht sein, daß Fraport auch noch die Scheidungsrate erhöht!
Das 7. Gebot: Du sollst nicht stehlen.
Eigentum und Besitz sind in unserem Rechtsstaat nicht mehr geschützt. Stille Enteignung, besser gesagt laute Enteignung ist an der Tagesordnung, wenn Häuser und Grundstücke von einem Tag auf den anderen eine solche Wertminderung erfahren.
Zum Schluß noch kurz zum 8. Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
Sie alle wissen, wie viele Lügen, gefälschte Statistiken, Gefälligkeitsgutachten, geschönte Berechnungen, gebrochene Versprechen und falsche Versprechungen diese Landebahn überhaupt erst möglich gemacht haben. Eine Landebahn, die auf so viel Lug und Trug gebaut ist, darf keinen Bestand haben. Eine Fehlentscheidung wird nicht dadurch richtig, daß sie teuer war.

Ich rufe alle, die christliche Werte im Munde führen, dazu auf, ihrer Rede auch Taten folgen zu lassen. Und ich rufe alle, die andere Götter verehren, die Götter des Profits und des Geldes, dazu auf, sich wenigstens an das Grundgesetz zu halten.

10 Gedanken zu „Rede von Pfarrerin Alves-Christe

  1. Pfarrerin Frau Alves-Christe hat mich mit Ihrer Rede tief berührt, Sie hat mir aus der Seele gesprochen und mit Ihren Worten sicher auch Jene angesprochen die sonst lieber nicht darüber nachdenken wollen oder können weil sie so verblendet sind.
    Vielen Dank

  2. Pfarrerin Alves-Criste hat für Gänsehaut gesorgt. Ich wünsche mir, dass diese mutigen & eindrucksvollen Worte “zwischen Himmel und Hölle” unsere Politiker und natürlich auch die Fraport-GF nachdenklich macht. Danke für diese Bereicherung!

  3. Hut ab vor dieser Pfarrerin. Alle 10 Gebote wurden v. Schulte und dieser Regierung lückenlos gebrochen. Glaubt man Herrn Schulte, ist Fluglärm reine Kopfsache, für diejenigen, die noch ein Hirn haben, leider nicht. Die Bahn muss weg.

  4. Ich konnte diesen Montag leider nicht an Flughafen für unsere Gesundheit und Heimat demonstrieren aber danke allen, die stellvertretend für mich und viele andere dort waren.
    Diese Rede hat mich tief berührt obwohl ich sie nur nachlesen und nicht live hören konnte. Danke! Danke auch dafür, dass wir durchhalten und noch dafür sorgen werden, dass diese Landebahn als Fehlentscheidung anerkannt und wieder geschlossen wird.

  5. Pingback: | Eintracht gegen FluglärmEintracht gegen Fluglärm

  6. Wie ein Fluch erschüttern Flugzeuge gnadenlos im 90 Sekundentakt den Südfriedhof.
    Ruhe sanft, Trauer, Gebete, alles durch den Fluglärm zerstört.
    Übrig geblieben sind würdelose Beisetzungen.
    Ehre wird verstoßen, das ist die deutsche Rechtsprechung.
    Wie fühlen sich die Schuldigen die so viel Unrecht verbreiten?
    Ohne Ruhe und Frieden und völlig verkrampft müssen Tote unter die Erde gebracht werden. Die Pflicht eines Oberbürgermeister wäre hierzu eine Stellungnahme abzugeben, er sollte sich für Fraport und für diese Regierung entschuldigen.
    Wie sieht die nächste Flughafen-Verteidigung aus? Extremwerbung JazuFRA: Schnäppchen bei Beerdigungsinstituten?

  7. Wir waren am 27.05. zur Montagsdemo dabei. Bloccupy war auch dabei und
    das fand ich sehr gut. Viele sagen immer wir müssen alleine kämpfen und
    nun bekamen wir Unterstützung, aber leider gab es Pfiffe gegen den Redner
    von Bloccupy. Ich habe mich für diese blöden Pfeifer geschämt. Es ist eben
    schwer sich umzustellen, wenn man immer Konservativ war. Wogegen kämpfen
    denn die Occupisten? Gegen den Raubtierkapitalimus (mehr Wachstum, hohe Gewinne, Ausbeutung der Arbeiter und eben auch einen Flughafen auf Kosten der Anwohner.) und wir sind alle die Opfer. Ich bin jedenfalls auch bei der Demo
    am 01.06 dabei

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