„Norah“ – Tiefflug über die Seele

sueddeutscheccw121Süddeutsche Zeitung 30-.10.2015 Thema des Tages

Tiefflug über die Seele

Herzinfarkt, Schlaganfall und Depression – die bisher
größte Lärmstudie zeigt, welche Gesundheitsrisiken in der
Nähe von Flughäfen auftreten. Eine laute Umgebung kann
die Psyche krank machen

Von Werner Bartens

Lärm stört nicht nur. Lärm macht krank und Lärm tötet. Menschen, die auf Dauer Verkehrslärm – besonders Fluglärm – ausgesetzt sind, leiden häufiger an Depressionen, Herzinfarkt, Herzschwäche und Schlaganfall. Ihr Schlaf ist beeinträchtigt und Kinder lernen im Umfeld von permanenten Lärmquellen, etwa in der Nähe von Flughäfen, langsamer.

Wofür Ärzte und Wissenschaftler bereits in kleineren Studien Hinweise gefunden haben, belegt nun die bisher größte Untersuchung ihrer Art. Unter dem Titel „Norah“ (für Noise-Related Annoyance, Cognition and Health) analysierten Forscher die Auswirkungen von Flug-, Straßen- und Zuglärm. Dazu wurden Daten von fast einer Million Menschen im Rhein-Main-Gebiet ausgewertet, zudem zogen sie Vergleiche mit den Flughäfen Stuttgart, Köln-Bonn und Berlin-Brandenburg. In mehreren Teilstudien untersuchten die Wissenschaftler fast fünf Jahre lang verschiedene Fragestellungen zu den Themen Lebensqualität und Gesundheit.

„Der starke Zusammenhang von Lärm und Depression hat uns schon überrascht“, sagt Rainer Guski. Der Professor an der Uni Bochum hat die Studie geleitet. „Auch den negativen Einfluss von Fluglärm auf das Lesenlernen bei Kindern hatten wir in dieser Klarheit nicht erwartet.“ Zudem erwiesen sich die Risiken für Herz und Kreislauf als nicht ganz so gravierend wie vermutet. „Man kann es so formulieren: Als Anwohner muss ich weniger Angst vor einem Herzinfarkt haben“, sagt Guski. „Aber ich sollte mir darüber klar sein, dass Fluglärm eine starke psychische Belastung darstellt. Vor allem wenn ich psychisch empfindlich bin, kann es schädlich für mich sein, in der Nähe des Flughafens zu wohnen.“

Die Untersuchung ergab, dass alle drei Arten Verkehrslärm dazu beitragen können, eine Depression zu entwickeln. Steigt die Belastung durch Fluglärm um zehn Dezibel, nimmt das Risiko für depressive Episoden im Durchschnitt um 8,9 Prozent zu. Bei Straßenlärm steigt das Risiko pro zehn Dezibel um 4,1 Prozent, bei Schienenlärm um 3,9 Prozent. Allerdings sinkt das Risiko bei sehr hohen Schallpegeln leicht. Womöglich ziehen Menschen, die zu Depressionen neigen, dann an ruhigere Orte.

„Das sind beachtliche Ergebnisse, weil wir schon bei vergleichsweise niedrigen Schallpegeln von 35 Dezibel mit Berechnungen der Risiken begonnen haben“, sagt Andreas Seidler, Professor für Arbeits- und Sozialmedizin an der TU Dresden, der für die Untersuchung der Krankheitsrisiken verantwortlich war. „Viele andere Studien beginnen erst bei 50 oder 55 Dezibel.“

Bei etlichen Anwohnern konnten die Forscher den Innenraumpegel abschätzen, also das, was tatsächlich in den Wohnräumen an Lärm ankommt. „War die Belastung im Innenraum groß, fanden wir für die Herzschwäche höhere Risiken als für entsprechende Außenpegel-Belastungen“, sagt Seidler. Der Dauerschallpegel allein, also die durchschnittliche Lärmbelastung, „reicht zur Ermittlung der Fluglärmwirkung nicht aus. Um Krankheitsrisiken durch Fluglärm zu ermessen, sind auch die nächtlichen Maximalpegel wichtig.“

Die Risiken, einen Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herzschwäche zu entwickeln, waren – legt man den Dauerschallpegel zugrunde – beim Zuglärm am größten, gefolgt von Straßen- und Fluglärm. „Schienenlärm erscheint heute nicht mehr so harmlos“, sagt Guski. „Wir haben hier die höchsten Risiken für Herzkreislauf-Leiden gefunden.“ Insgesamt war die Gefahr für Herz und Kreislauf aber nicht so groß wie aus früheren Studien zu erwarten gewesen wäre. Pro zehn Dezibel Lärmzuwachs stieg das Risiko um bis zu 3,9 Prozent.

Der Schlaf wird durch nächtlichen Fluglärm beeinträchtigt. Hier gibt es im Raum Frankfurt Entlastung, seit 2011/12 die Kernruhezeit von 23 bis fünf Uhr eingeführt wurde, in der planmäßige Starts und Landungen verboten sind. Die Anwohner wachten 2012 seltener nachts auf. Allerdings herrscht in der Nacht nicht an allen Flughäfen Ruhe. Sonderregelungen gestatten vielerorts auch dann Flüge. Der Stress, dem der Organismus durch Schlafstörungen ausgesetzt ist, wird vermutlich unterschätzt. „Es kann sein, dass viele Menschen es nicht bemerken, wenn sie nachts aufwachen, weil die Aufwachphase so kurz ist“, sagt Arbeitsmediziner Seidler. „Beeinträchtigt ist der Schlaf trotzdem.“

Auch der kognitiven Entwicklung schadet Lärm. In stark von Fluglärm belasteten Gebieten lernen Grundschulkinder langsamer lesen als Kinder in ruhiger Umgebung. Eine Lärmzunahme von zehn Dezibel verzögert das Lesenlernen um einen Monat. Kinder, die Lärm ausgesetzt sind, fühlen sich zudem weniger gesund und ihre Eltern geben häufiger an, dass Kinder eine Sprech- oder Sprachstörung haben.

Flughafenkritiker schliefen schlechter und bewerteten den Lärm negativer als andere Anwohner. „Das ist nicht verwunderlich, denn Lärm ist definiert als der Schall, der subjektiv stört“, sagt Dennis Nowak, Chef der Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin an der Universität München. „In einer italienischen Großfamilie mag ein hoher Geräuschpegel normal sein, einen isolierten Gefangenen können sie bereits mit dem Geräusch eines tropfenden Wasserhahns in den Wahnsinn treiben.“

350000 Menschen sind allein im Rhein-Main-Gebiet im Schnitt mehr als 50 Dezibel ausgesetzt, was einem lauten Kühlschrank oder Gesprächslautstärke entspricht. Anwohner des Frankfurter Flughafens fühlten sich stärker belästigt als in früheren Erhebungen, was bei zunehmendem Flugverkehr nicht verwundert. „Es gibt keinen Grund zur Entwarnung“, sagt Seidler. „Die Risiken sind zwar geringer als jene durch Rauchen oder starkes Übergewicht, aber der Vergleich hinkt: Der Staat hat eine Fürsorgepflicht und muss Menschen schützen.“

Dennis Nowak fordert leisere Flugzeuge und besseren Lärmschutz, „es gibt schließlich keinen Schwellenwert für die schädigende Wirkung von Lärm“. Zudem fragt der Arzt, warum man von München nach Nürnberg fliegen können muss und zwei Maschinen fast gleichzeitig von München nach Berlin fliegen, statt Passagiere in ein größeres Flugzeug zu packen, das weniger Lärm macht. „Wir brauchen gesetzlich niedrigere Grenzwerte und mehr Schutz, aber der politische Wille dazu fehlt“, sagt Nowak. „Vielleicht sollte man überlegen, die Krankheitskosten, die auf Fluglärm zurückgehen, Fluglinien und damit Dauerfliegern aufzudrücken – und nicht wie bisher den Krankenkassen, die wesentlich von Menschen finanziert werden, die nicht ständig im Flieger sitzen.

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