Nachtflugverbot gefährdet Existenz

November 2003
Aussagen:
Claus-Dieter Wehr (Geschäftsführer der Condor Flugdienste GmbH)
Rüsselsheimer Büro des Regionalen Dialogforum
Gelesen im Rüsselsheimer Echo

Bis ein Uhr landen – Nachtflugverbot gefährdet Existenz

Condor will auch künftig bis ein Uhr landen und streitet für Ausnahmeregelung. Claus-Dieter Wehr hatte wahrlich einen schweren Stand: Der Geschäftsführer der Condor Flugdienste GmbH war ins Rüsselsheimer Büro des Regionalen Dialogforums gekommen, um im Namen seiner Muttergesellschaft, des Touristikkonzerns Thomas Cook AG, über “Die wirtschaftliche Bedeutung des Ferienfliegers am Frankfurter Flughafen” zu referieren – das war der leichtere Part – und sich dem Dialog mit Bürgern zu stellen.
Der geballte Zorn lärmgeplagter Menschen aus schlug dem Referenten entgegen und entschuldigend musste er oft darauf hinweisen, dass er nicht zuständig sei für Abflugrouten, Lärmschutz-Maßnahmen der Fraport AG oder die Blutdruckwerte eines älteren Mannes, der an diesem Abend seinen Zorn über den “Lärmterror am Himmel” und dessen Auswirkung auf sein Gehör losgeworden wäre. Auch die Frage des Aufgebrachten, wer dafür aufkomme, dass er seiner Mieterin wegen des Fluglärms erst einen Mietnachlass gewähren musste und sie jetzt doch ausgezogen sei, blieb unbeantwortet: eine andere Baustelle.
Doch auch mit der Schilderung der Zwänge auf seiner eigenen Baustelle konnte Wehr die meisten Zuhörer nicht für sich einnehmen. Es war wohl auch von vornherein ein vergebliches Unterfangen, die Bürger einer Flughafen-Anrainergemeinde davon überzeugen zu wollen, dass sie auf ihre Nachtruhe verzichten sollen, damit ein Ferienflieger (und dessen Beschäftigten) nicht in existenzielle Nöte geraten.
Nach Wehrs Darstellung haben Ferienflieger zwar nur einen kleinen Anteil am Flugverkehr auf Rhein-Main (acht Prozent der Starts und Landungen, elf Prozent der Passagiere), aber unter den zehn größten Airlines seien immerhin vier Touristik-Linien.
Seine Gesellschaft sei auf Nachtflüge angewiesen, führte Wehr aus und bezeichnete ein Nachtflugverbot, das der hessische Ministerpräsident Roland Koch als unverzichtbare Bedingung für den Bau der geplanten Nord-West-Landebahn ansieht, als ein “unternehmensbedrohliches Szenario”.
Um wirtschaftlich zu fliegen, müssten Maschinen 15 Stunden täglich in der Luft sein. Zur optimalen Auslastung der Flotte brauchten Ferienflieger Landemöglichkeiten bis ein Uhr, argumentierte Wehr. Hinzu komme, dass Frankfurt Homebase und zentraler Technik-Standort von Condor sei. Dort seien ständig 14 Flugzeuge stationiert, 35 Maschinen erforderten regelmäßige Wartungsstopps auf Rhein-Main.
Als Wehr Kundenwünsche nach Frühmaschinen als weiteres Argument gegen ein Nachtflugverbot anführte, stieß das auf starken Widerspruch. “Was nützt es mir, wenn ich schon morgens in meinem Ferienhotel ankomme, das Zimmer aber erst nach zwölf Uhr frei ist?”, sprach ein Bürger aus Erfahrung.
Auch der Wunsch nach einer möglichst kurzen Anreisezeit zum Flughafen wurde in Zweifel gezogen. “Wenn ich anderthalb Stunden bis zum Flughafen Hahn brauche und das Einchecken dort schnell und unkompliziert ist, bin ich doch genau so weit, wie wenn ich mehrere Stunden vor dem Abflug schon auf Rhein-Main sein muss – und ich kann mein Auto neben dem Hunsrück-Airport billig parken.”
Wehr bestritt zwar nicht, dass es eine gewisse Nachfrage für Abflüge ab Hahn gebe, sie sei aber zu klein: “Wir haben das im Jahr 2000 einmal versuchsweise angeboten, es kam aber nicht an.” Zudem müsste seine Gesellschaft dann in Hahn einen zweiten Technik-Standort errichten.
Für den Fall, dass es tatsächlich zu einem absoluten Nachtflugverbot ohne Ausnahmeregelung für Condor käme, kündigte Wehr Reaktionen an, die von einer Optimierung der Abläufe bis zu einer Verlagerung der Homebase reichen. “Untersuchungen laufen. Im schlimmsten Fall ist Condor in seiner Existenz bedroht.”
Doch Gefahr droht auch aus einer anderen Ecke: Wegen der Flaute und der Überkapazitäten im Touristik-Geschäft wird Condor nach Wehrs Worten 13 seiner 47 Flugzeuge verkaufen.

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