„Grenzüberschreitung“ – Menschen brauchen Schutz

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Rede zur Straßenumbenennung
Pfarrerin Silke Alves-Christe

Als mein Mann und ich Ende August 2011 hier in das Pfarrhaus an der Bergkirche einzogen und unsere neue Adresse kennenlernten, fanden wir den Straßennamen Sachsenhäuser Landwehrweg nicht nur ziemlich lang, sondern mit seinem wehrhaft-militärischen Klang für eine Kirche und ein Pfarrhaus gar nicht so besonders passend.
Wir erlebten dann hier zwei sehr glückliche Monate, sind zwar bei Ostwetterlage erschrocken über das kriegsähnliche Donnern von startenden Flugzeugen, aber dazwischen gab es genügend Tage ohne diese Plage.

Die Freude darüber, hier eine neue Heimat zu finden, wurde jäh beendet am 21. Oktober 2011. Ich sehe noch genau vor mir, wie im Sachsenhäuser Landwehrweg und den benachbarten Straßen Menschen zusammenstanden und entgeistert in den Himmel schauten, wo im 1 ½ -Minuten-Takt landende Flugzeuge in erschreckend geringer Höhe über die Köpfe, über die Häuser und Gärten hinwegdröhnen. Ich höre noch eine ältere Dame hier im Sachsenhäuser Landwehrweg sagen: „Daß man Menschen so etwas antun darf!“

Selbst als kurze Zeit später eine nächtliche Betriebsbeschränkung von 6 Stunden richterlich verfügt wurde, änderte das nichts an der Tatsache, daß hier eine unerträgliche, nicht zu tolerierende Grenzüberschreitung vollzogen worden war, ein schwerer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der hier lebenden Menschen.

Und mit dem Begriff „Grenzüberschreitung“ bin ich dann wieder ganz nah bei unserem etwas ungewöhnlichen Straßennamen. Genau dies, eine Grenzüberschreitung, sollte die Sachsenhäuser Landwehr im Mittelalter verhindern, jene Stadtbefestigung aus Gräben, Wällen, Hecken, Dornenbüschen und den Warttürmen wie der Sachsenhäuser Warte.

Inzwischen – nach der Erfahrung, wie völlig schutzlos wir in den sogenannten „Tagesschutzzonen“ und „Nachtschutzzonen“ dem krankmachenden Lärm und dem elektrisierenden Rhythmus der Maschinen ausgeliefert sind – bedeutet es mir viel, in einem „Wehrweg“ zu wohnen.

Dieser Name „Wehrweg“ macht erstens deutlich: Menschen brauchen Schutz, brauchen eine Wehr, eine Ab-wehr, eine Not-wehr, eine Gegen-wehr gegen schädliche Angriffe.

Dieser Name „Wehrweg“ macht zweitens deutlich: Es gibt eine Grenze. Ja, Grenzen sind notwendig. Jeder kennt das Bedürfnis, mal die Tür hinter sich zuzumachen. Eine Grenze ist ein notwendiger Schutz, wie auch diese Friedhofsmauer hinter mir deutlich macht. Sie schützt die Trauernden, läßt sie ein wenig abgeschirmt sein vom Trubel um sie her. Das war zumindest so, bevor die ständige Überflugbelastung dazu führte, daß selbst der Friedhof kein Ort des Friedens mehr ist.

Antoine de Saint-Exupéry, der Verfasser des Kleinen Prinzen, hat einmal geschrieben: „Man muß Grenzen haben, um werden zu können.“
Aber nun haben wir einen Nachbarn, der Grenzen nicht akzeptiert, der permanent Grenzen überschreitet. Einen Nachbarn, der in dem Irrglauben handelt, daß ein grenzenloses Wachstum möglich und nötig sei. Einen Nachbarn, der noch nicht gelernt hat, daß die eigene Freiheit ihre Grenze hat an der Freiheit der anderen. Mit der Eröffnung der Nord-West-Landebahn hat unser Nachbar Fraport brutal die Grenze des Erträglichen überschritten.

Ich staune immer, wenn ich auf Menschen treffe, die diese rücksichtslose Grenzüber-schreitung als gegeben hinnehmen, die fatalistisch meinen, daß letztlich doch die wirtschaftlichen Interessen siegen werden. Sie fragen mich: „Warum gehen Sie denn jeden Montag zur Demonstration ins Terminal? Glauben Sie wirklich, sie können noch was ändern?“

Ja, allerdings, das glaube ich!

Der nicht endende Protest so vieler Menschen zeigt deutlich, daß diese neue Landebahn eine Fehlentscheidung war. Und ich bin überzeugt: Eine Fehlentscheidung wird nicht dadurch richtig, daß sie teuer war.

Nein, ich gehöre nicht zu den Menschen, die in Ehrfurcht erstarren vor verschleuderten Geldsummen. Ehrfurcht, Respekt wünschte ich mir vielmehr vor dem Leid der betroffenen Menschen.

Mir ist am Beispiel des Fluglärms, bei dem wirtschaftliche Interessen über mein Wohlbefinden, über meine Gesundheit, über mein Recht auf Schlaf, auf Entspannung und auf Konzentration für meine Arbeit gestellt werden, deutlich geworden, daß die Macht der Wirtschaft gefährlich viel diktieren kann in unserem Land. Es darf in einem demokratischen Land doch nicht sein, daß ein Wirtschaftsunternehmen über die Schlafstunden von Kindern und damit über ihre persönliche und schulische Entwicklung entscheidet. Es darf auch nicht sein, daß die Wirtschaft und das Geld Bedingungen diktieren, unter denen Menschen nicht mehr in Freiheit leben können.

Im Sachsenhäuser Land-wehr-weg zu wohnen, verstehen ich inzwischen als Verpflichtung, mich zu wehren gegen die Angriffe auf die Menschenwürde, die durch den permanenten Lärm in einem ganz unnatürlichen Rhythmus die Zigtausend Menschen unter der Einflugschneise quälen. Wir müssen nicht wie im Mittelalter Angriffe auf dem Land fürchten, aber wir sind durch den Lärm aus der Luft so angegriffen, daß wir eine Bürgerwehr, eine Lärmwehr brauchen. Darum freue ich mich, daß der Name unserer Straße endlich aktualisiert wird und bitte darum die feierliche Umbenennung des Sachsenhäuser Landwehrwegs in den Sachsenhäuser Lärmwehrweg zu vollziehen.

Pfarrerin Silke Alves-Christe
Evangelisch-lutherische Dreikönigsgemeinde Silke Alves-Christe
alves-christe@web.de

 

3 Gedanken zu „„Grenzüberschreitung“ – Menschen brauchen Schutz

  1. Vielen Dank für diese gute Rede und Ihr großartiges Engagement!!!
    Gemeinsam werden wir diese Landebahn über kurz oder lang schließen und den Flughafen in Grenzen verweisen, die eine friedliche Koexistenz mit seinen Nachbarn wieder erlauben.
    Wir sind wachsam, wir geben nicht auf!

  2. Frau Alves-Christe trifft immer die richtigen Worte. Danke dafür! Und: Damit “puscht” sie mich, denn ich bin mittlerweile in “meinem Widerstand ” am ermüden.

  3. Eindrucksvolle mutige Worte! Auf hohem Niveau werden hier die schrecklichen und unerträglichen Zustände kritisiert. Dankeschön dafür, liebe Frau Alvres-Christe. Keiner kann SIE toppen!

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