Gesundheitliche Folgen des Flugverkehrs

Presseerklärung des Vereins Demokratischer Ärztinnen und Ärzte
Gesundheitliche Folgen des Flugverkehrs (Download)

Koch opfert die Gesundheit Hunderttausender im Rhein-Main-Ballungszentrum
den Dividenden von FRAPORT

Gesundheitliche Folgen des Flugverkehrs

Die hessische Landesregierung unter Roland Koch erweckt den Eindruck, den
berechtigten wirtschaftlichen Interessen der Flughafen-Betreiber stünden die
kleinliche Sorge um Ruhestörung oder um sinkende Immobilienpreise gegenüber.
Tatsächlich geht es um konkrete medizinische Folgeschäden.
Die arbeits- und umweltmedizinische Literatur mit einer Fülle von
toxikologischen und epidemiologischen Untersuchungen hat die Auswirkungen
chronischer Lärmeinwirkung untersucht. Die chronische Einwirkung einer
Geräuschquelle von mehr als 60 db(A) Dauerschallpegel entsprechend dem
Lärmpegel unter der Einflugschneise führt zwar zu keinen messbaren
Auswirkungen auf das Gehör. Im übrigen Organismus sind allerdings zahlreiche
Reaktionen und Veränderungen nachweisbar. Sie alle sind unter dem
Oberbegriff Lärmstress zu verstehen. Der menschliche Organismus reagiert auf
eine Lärmquelle in der oben genannten Stärke und Dauer durch Fluchtreaktion
oder Gegenwehr. Da beide Verhaltensmuster nicht realisiert werden können,
kommt es zur bewussten oder unbewussten mentalen Unterdrückung, ohne dass
allerdings die körperlich fassbaren Reaktionen mit unterdrückt werden
könnten. Diese bestehen in einem messbaren und signifikanten
Blutdruckanstieg, der sich über Jahre stabilisiert und dann auch ohne
Lärmstress nicht mehr reversibel ist. Es kommt zu einer vermehrten
Ausschüttung von Stresshormonen wie Nebennierenrinden- und -markhormonen
(Cortisol und Adrenalin) sowie zu einer Erhöhung des Cholesterinspiegels im
Blutserum. Die Kombination dieser Stressreaktionen führt in einem
signifikanten Ausmaß zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und in erster Linie zu
Herzkranzgefäßverengungen. Neben diesen Effekten sind Veränderungen des
Immunsystems festgestellt worden. Es zeigte sich, dass
Immunglobulinfraktionen in dem Sinne einer Veränderung erfahren, dass die
Immunabwehr herabgesetzt wird und somit die Neigung zu Infekten steigt.

Diese nachteiligen Wirkungen von Lärm gelten in besonderem Maße für die
nächtliche Einwirkung. Deshalb ist der Wortbruch der Regierung Koch
bezüglich eines uneingeschränkten Nachtflugverbotes von besonderer
Bedeutung. Selbst ohne subjektiv erlebte Unterbrechung des Schlafes kommt es
nachweislich zu gesundheitsschädlichen Veränderungen des Blutdrucks, des
Hormonstoffwechsels und der Schlafphasen. Diese Zusammenhänge wurden erst
kürzlich im Rahmen einer groß angelegten Studie des Bremer Epidemiologen
Eberhard Greiser (Epi.Consult GmbH, Bremen, Institut für Public Health und
Pflegeforschung im Auftrag des Umweltbundesamtes 2007) nachgewiesen. Es
zeigte sich ein besonders deutlicher Zusammenhang zwischen Lärmbelastungen
und Arzneimittelverordnungen gegen hohen Blutdruck und bei Herzkrankheiten,
wobei der Zusammenhang für Nachtlärm noch deutlich klarer als für Taglärm
war. Dass nächtlicher Lärm nicht nur nervt, sondern auch krank macht, wurde
auch in einer aktuellen europäischen Studie mit Experten des
Umweltbundesamtes in Dessau nachgewiesen. Bei den rund 5 000 untersuchten
Anwohnern der Flughäfen Amsterdam, Athen, Berlin, London, Mailand und
Stockholm führte Nachtfluglärm zu höheren Blutdruckwerten. Schon ein Anstieg
des nächtlichen Fluglärms um zehn Dezibel im unteren Schallpegelbereich
erhöht das Risiko für Bluthochdruck bei Frauen und Männern um rund 14
Prozent.

Neben diesen eher körperlichen sind in der wissenschaftlichen Literatur
psychosoziale Veränderungen beschrieben worden. So zeigten vergleichende
Untersuchungen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Lärmstress ein
deutlich abweichendes Verhalten. Kinder unter Lärmstress konnten sich
schlechter konzentrieren, waren körperlich unruhiger, aggressiver, sahen
ihre Situation weniger positiv.

Neben den Auswirkungen chronischer Lärmexposition sind die der vermehrten
Schadstoffbelastung durch Kerosinverbrennung mit der Entstehung von
Benzolen, Schwermetallen, Stäuben etc. umfassend und bestens untersucht.
Eine Zunahme von Krebserkrankungen wird mit Stäuben und Benzol in
Zusammenhang gebracht. Vergleichende Untersuchungen von Kindern in Reinluft
bzw. hoch belasteten Gebieten in innerstädtischen Ballungsräumen zeigten
eine signifikante Zunahme von Lymphknotenschwellungen, einer Vermehrung von
Entzündungszellen im Blut, einer vermehrten Schwellung von Rachen- und
Gaumenmandeln sowie eine nachweisbar höhere Schwermetallbelastung in den
Haaren im Vergleich zu den Kindern in Reinluftgebieten.

Die hier aufgeführten gesundheitlichen Auswirkungen sind für bestimmte
Bevölkerungsgruppen besonders bedrohlich. Kleinkinder, Schwangere, chronisch
Kranke sowie hoch betagte Menschen haben mit stärkeren Auswirkungen auf ihre
Gesundheit zu rechnen als die übrigen Bevölkerungsgruppen.

Die mit der Ausweitung des Luftverkehrs unwidersprochen steigende Lärm- und
Schadstoffbelastung von Hunderttausenden von Menschen im
Rhein-Main-Ballungszentrum durch den Bau einer zusätzlichen Landebahn wird
nachteilige Auswirkungen nicht nur auf die Lebensqualität im allgemeinen
sondern vor allem auch auf die Erkrankungswahrscheinlichkeit (Morbidität),
die Sterblichkeitswahrscheinlichkeit bzw. die Lebenserwartung (Mortalität)
haben. Die Chancen der unter diesen Bedingungen aufwachsenden Kinder und
Jugendlichen für eine gesunde geistige und körperliche Entwicklung werden
sinken.

Der mit dem Ausbau des Frankfurt Airport verbundene rasante Anstieg von CO2
ist angesichts der globalen Klimaerwärmung eine Katastrophe. Allen
Beteuerungen um die Vorbildrolle der Bundesrepublik bei der Reduzierung der
Treibhausgase spricht diese Entscheidung Hohn. Sie ist aus klimapolitischer
Sicht verantwortungslos.

Die hessische Landesregierung unter Roland Koch hat sich bei der Abwägung
zwischen den gesundheitlichen Interessen der Bevölkerung im Rhein-Maingebiet
und den kommerziellen Interessen der Fraport-Betreiber gegen die Bevölkerung
entschieden, Profit vor Gesundheit gestellt.

Wir meinen, dass es nicht darum gehen kann, die Lärm- und
Schadstoffbelastung weiter zu erhöhen, es muss vielmehr mit der Verminderung
begonnen werden. Der Rhein-Main-Flughafen liegt mitten in einem
Ballungszentrum. Wenn es allgemeiner gesellschaftlicher Konsens ist, dass
Politik und wirtschaftliches Wachstum dem Menschen zu dienen haben und nicht
umgekehrt, dann muss gesundheitliche Vorsorge Vorrang vor dem
Expansionsdrang eines bestimmten Industrie- und Dienstleistungsbereichs
haben.

Aus Gründen vorbeugenden Gesundheitsschutzes unterstützen wir alle
Politiker, Bürgerinitiativen und Kommunen, die sich zum Kampf gegen den Bau
einer neuen Landebahn und die Aufweichung des Nachtflugverbots entschlossen
haben.

Für den vdää

Dr. Winfried Beck (Mitglied des Vorstandes)

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