Ein bemerkenswerter Kommentar von Prof. Dr. Singer

Wie bereits in unzähligen Beiträgen klar gestellt, sind Maßnahmen zum
passiven Lärmschutz allenfalls geeignet, nun auch für Menschen die
Käfighaltung vorzusehen. Zudem entsprechen die bisher ausgewiesenen
Lärmschutzzonen in keiner Weise den realen Belastungen, da die
Schallausbreitung komplexen Gesetzen folgt und nicht über simple
Abstandsberechnungen, die meist auch noch auf unzutreffenden
Überflughöhen beruhen, ermittelt werden kann.

Folglich müssen neue Lärmkartierungen erstellt werden, die auf engmaschigen Messungen beruhen. Hierbei sind Spitzenwerte und deren zeitliche Bündelung weit
wichtiger für die Beurteilung der Belästigung als die absurden
Mittelwerte. Diese Ermittlung wird mit Sicherheit ergeben, dass die
Nutzung der Landebahn Nord-West zu einer massiven Ausdehnung
unzumutbarer Lärmbelästigung auf dicht besiedelte Wohngebiete geführt
hat, die durch eine eventuelle Reduktion der Lasten für andere Gebiete
in keiner Weise kompensiert wird.

Da aus Gründen der Flugsicherheit (Durchstartoption,
Rückenwindkomponente, Kreuzung von Rollbahnen, zu große Nähe der beiden
Landebahnen Süd und Mitte) und der Aufgabe des bewährten
Reissverschlussverfahrens die Kapazität des Flughafens nur dann über
jene des Standes vor Inbetriebnahme der Nordwestbahn erhöht werden kann,
wenn diese neue Bahn in der Regelzeit zu 50% und in den Tagesrandstunden
wegen erhöhten Startaufkommens zu 70% bis 80% für Landungen genutzt
wird, ist die ursprüngliche Aussage, die neue Bahn nur zum Abfangen von
Spitzenbelastungen zu nutzen, Makulatur.

Das Flugaufkommen hat sich seit Eröffnung der neuen Bahn unwesentlich
verändert, dennoch muss die neue Bahn wegen der veränderten
Verkehrsführung nun stark genutzt werden, um die bisherige Kapazität zu
erhalten. Hinzu kommt, dass das mit der neuen Bahn verbundene
Nachtflugverbot zur Verdichtung von Flugbewegungen in den Randstunden
führt. Die Gesamtkapazität wird sich aus diesen Gründen nicht in dem
geplanten Umfang erhöhen lassen. Diese Fakten legen den Schluss nahe,
dass es sich bei der Planung der neuen Bahn um eine dramatische
Fehlentscheidung handelt, vor der bereits in einem frühen
Planungsstadium von der Flugsicherung und der Pilotenvereinigung gewarnt
wurde.

Nun ist guter Rat teuer, denn es wird deutlich, dass sich in einem dicht
besiedelten Gebiet kein Weltflughafen realisieren lässt. Schon die
gegenwärtige Situation ist nicht tolerierbar und wird nicht hingenommen
werden. Die intendierte Profilierung des Frankfurter Flughafens zu einem
„Welthub“ wird sich mit dem jetzigen Bahnsystem aus zwei Gründen nicht
erreichen lassen. Erstens, die Kapazität lässt sich durch die
verschränkte Anordnung der Bahnen nicht so erhöhen wie prognostiziert.
Zweitens, die Bevölkerung wird eine weitere Erhöhung des Flugaufkommens
auf den neuen Flugrouten nicht hinnehmen.

Die Atlanta-Lösung hätte hinsichtlich der Kapazitätskriterien die
Ansprüche an einen Welthub erfüllt – und wenn München eine dritte Bahn
durchsetzt, wird dieser Flughafen, der in einem relativ dünn besiedelten
Gebiet liegt, weiter wachsen können.

Aber auch bei der Atlanta-Lösung wären neue Lärmzonen entstanden, wenn
auch nicht über so dicht besiedeltem Gebiet wie bei der Nord-West
Lösung. Auch dies hätte eine deutliche Erhöhung des Flugaufkommens
vermutlich verhindert, weil die Bevölkerung sich widersetzt hätte.

So bleibt als Schlussfolgerung, dass die Politik auf das falsche Pferd
gesetzt hat, als sie davon ausging, dass die Region nur dann
prosperieren könne, wenn sie in ihrer Mitte einen Weltflughafen besitzt.
Frankfurt und die umliegenden Städte waren und sind auch jetzt auf Grund
ihrer geografischen Lage ideal in alle Verkehrsnetze eingebunden und
profitieren davon. Schon jetzt gibt es mehr als genügend Möglichkeiten,
von hier in die Welt und von dieser hierher zu gelangen und daran hätte
sich auch durch den Verzicht auf einen weiteren Ausbau des Flughafens
nichts geändert. Manche würden dann woanders umsteigen und manche Fracht
würde einmal mehr umgeladen.
Den Reichtum und die Attraktion dieser Gegend machen die Menschen aus,
die hier wohnen und ihrem Gewerbe nachgehen. Je attraktiver diese
Menschen die Region für sich und andere machen, desto mehr werden
hierher kommen und beitragen, und sie werden sich nicht abhalten lassen,
wenn sie einmal mehr das Flugzeug wechseln oder eine Stunde länger auf
ihren Flug warten müssen.
Natürlich ist man im Nachhinein klüger. Das ist der erwünschte Effekt von Lernvorgängen. Als die Planungen zur Erweiterung des Flughafens begannen, war die Welt noch eine andere. Inzwischen haben wir Krisen erlebt, die an der Richtigkeit der Wachstumsideologie zweifeln lassen und die Menschen sind sich bewusst geworden, dass Prioritäten neu definiert werden müssen, wenn wir uns eine auskömmliche Zukunft sichern wollen.
Was jetzt Not tut ist Mut, Weitsicht und Phantasie. Mut, um sich zu
einer Fehlentscheidung zu bekennen. Weitsicht, um von der Illusion
Abschied zu nehmen, der Flughafen ließe sich zu einem Welthub erweitern
und sei die einzige Option, diese Region zu entwickeln. Und schließlich
Phantasie, um die Millionen, vielleicht sogar Milliarden, die nunmehr
für Palliativmaßnahmen zur Bewältigung der Kollateralschäden des
weiteren Ausbaus anfallen, für Strukturmaßnahmen umzuwidmen, welche die
Region wirklich prosperierend und attraktiv machen.

Prof. Wolf Singer

Frankfurt

4 Gedanken zu „Ein bemerkenswerter Kommentar von Prof. Dr. Singer

  1. Bei der Flughöhenberechnung des Sachsenhäuser Berges, der ca. 200 Meter hoch liegt, wurde dieser von den VERANTWORTLICHEN als “Sachsenhäuser Flachland” berechnet……
    Deshalb fällt mir zu DENEN einfach nichts mehr ein.
    Solange diese Lärmhölle nicht vor der eigenen Haustüre stattfindet, ist dieser Regierung der Frieden einer Bürgerminderheit völlig egal.
    Käfighaltung ist schlicht und einfach MENSCHENHASS!

  2. Weltflughafen FRA – wann bist du direkt mitten in der Stadt angekommen?
    Vorschlag für Terminale 4 – unser Römer!
    Das ist doch sicherlich im Interesse von ex OB Petra Roth.

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