Der Himmel über Rhein-Main

turm berggemeindeEin Artikel aus der Zeitschrift Kirchplatz der Zeitung der evangelischen Gemeinde Bockenheim

Auch in Bockenheim ist der Fluglärm stärker geworden. Doch das ist kein Vergleich zu Sachsenhausen. Dort erleben die Menschen die „Hölle am Himmel“. – Ein Blick über den Zaun zur Dreikönigsgemeinde.

Der Himmel über Berlin: Wim Wenders

Der geteilte Himmel: Christa Wolf

Der Himmel über Rhein-Main: FRAPORT. CDU. SPD. FDP. GRÜNE …

Und wo bleibt da der liebe Gott???

Diese Frage stellen sich immer mehr Mitglieder der Evangelischen Dreikönigsgemeinde seit dem 21. Oktober 2011. An diesem Tag wurde die neue Landebahn des Rhein-Main-Flughafens in Betrieb genommen. „Die Leute standen da und schauten ungläubig in den Himmel, wo für die Anwohner die Hölle tobte!“ erinnert sich Dr. Ursula Fechter, die 10 Jahre lang als Stadträtin für die FAG (Flughabenausbaugegner) im Magistrat der Stadt Frankfurt saß.

Seitdem zieht aus Sachsenhausen-Süd weg, wer immer es sich leisten kann. Die Alten nehmen ihre Hörgeräte raus, im Pfarrhaus kann Silke Alves-Christe nicht mal mehr in Ruhe an ihrer Predigt arbeiten. „Unseren wunderschönen Garten nutzen wir nur noch, um die Tischdecke auszuschütteln!“ klagt die ansonsten wortgewaltige Pfarrerin. Kein Wunder, dass Leute zu den Montagsdemonstrationen zum Flughafen strömen, die sich das nie hätten träumen lassen. Am 25. Februar auch Pfarrerin Alves-Christe. Und da hat sie ausgepackt. Mit einer Klartext-Rede.
„Das 1. Gebot lautet: Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir. Viele… glauben unbeirrbar an ein nicht endendes Wachstum. … Ihr Götzendienst ist die Anbetung von Geld und Gewinn. … Die Bibel nennt solche Götter Mammon und sagt: Du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon. Wir alle hier sind Opfer eines solchen Irrglaubens. … Menschen, die eine Wachstumsideologie als Götzen anbeten, verlieren den Blick dafür, wie sehr sie anderen Menschen Schaden zufügen.“
Ursula Fechter ist begeistert. „Ihre Rede war etwas ganz Besonderes!“ sagt sie, als wir zu dritt im Pfarrhaus beisammen sitzen. Mehrfach unterbrechen wir unser Gespräch, wenn die Flugzeuge knapp über den Schornsteinen hinweg donnern. „So klar hat schon lange niemand mehr die Wahrheit beim Namen genannt.“ Frau Fechter, selbst aktive evangelische Christin, kritisiert das Verhalten der Kirche. Die Synode der EKHN habe sie enttäuscht. Es gehe um die Bewahrung der Schöpfung. Da hätte ein klares „Schließt die Landebahn!“ vom Kirchenparlament kommen müssen. Pfarrerin Alves-Christe wendet ein, dass sie mit Kirchenpräsident Jung darüber geredet habe. Der habe entgegnet, die Kirchenleitung erhalte zahlreiche Beschimpfungen von der anderen Seite. “Die Kirche darf sich doch nicht erpressen lassen!“ Ursula Fechter fällt ihr fast ins Wort. „Sie muss einfach mehr Mut zeigen!“ Die Pfarrerin nickt. Ja, eigentlich sei die Kirche ja für die Wortverkündigung zuständig.
Als Gemeindemitglied wundert sich die Bürgerrechtlerin Fechter auch darüber, dass sich andere Pfarrer in Sachen Fluglärm zu sehr bedeckt hielten.“ „Da könnte man sich doch viele kreative Protestformen einfallen lassen im Rahmen der Kirche“, ergänzt sie und erinnert an die Aktionen, die Pfarrerin Alves-Christe in der Bergkirche gestartet hat. In einem Gottesdienst unter dem Motto „Ein Jahr unter der Einflugschneise“ wurden Klagegebete verlesen und in eine symbolische Klagemauer gesteckt. In einem Familiengottesdienst „Wie im Himmel so auf Erden“ wurde ein himmel-blaues Tuch von der Kirchenempore heruntergelassen. Die Gottesdienstbesucher erhielten kleine Wolken aus Pappe, auf die sie schreiben konnten, was für sie persönlich „Himmel“ bedeutet.
Der Kirchenvorstand von Dreikönig hat immerhin Flagge gezeigt und kurz nach Inbetriebnahme der Landebahn ein großes Transparent an die Kirchturmspitze der Bergkirche gehängt: „Wenn wir auch müde sind, lässt man uns doch keine Ruhe“. Pfarrerin Alves-Christe greift das auf. „Ein Skandal ist der Lärm auf dem Südfriedhof! Bei Beerdigungen gehen Fürbitten und Gebete im Fluglärm unter. Friedhofsbesucher finden keinen Frieden mehr. So nehmen sie uns auch noch die letzte Ruhe und damit die letzte Würde!“
Die klare Positionierung der Pfarrerin vergrault nicht etwa die Gemeindemitglieder – im Gegenteil. Ursula Fechter berichtet ebenso wie Frau Alves-Christe von etlichen Gesprächen mit Kirchgängern, die seit Jahren erstmals wieder den Gottesdienst besuchen.Alves-Christe-uf
Die „Überflugbelastung“ ist nicht nur akustischer Natur. Die Pfarrerin beschreibt, wie sie an Sonnentagen vom Schatten der tief fliegenden Flugzeuge erschreckt wird. Ursula Fechter ergänzt: „Noch schlimmer ist es im Morgengrauen, wenn die Flugzeuge mit ihren grellen Scheinwerfern anfliegen. Das wirkt nicht nur für Kinder sehr bedrohlich!“
Gegen Ende ihrer Rede bei der Flughafen-Demo bekennt Silke Alves-Christe: „Ich lebe in einem Unrechtsstaat, der die Geldgier der FRAPORT höher achtet als mein Recht auf körperliche Unversehrtheit. … Sie alle wissen, wie viele Lügen, Gefälligkeitsgutachten, gebrochene Versprechen diese Landebahn erst möglich gemacht haben. Eine Landebahn, die auf so viel Lug und Trug gebaut ist, darf keinen Bestand haben. Eine Fehlentscheidung wird nicht dadurch richtig, dass sie teuer war.

Wolf Lindner

2 Gedanken zu „Der Himmel über Rhein-Main

  1. Guter Bericht.
    ……… Der habe entgegnet, die Kirchenleitung erhalte zahlreiche Beschimpfungen von der anderen Seite…….

    Das darf man sofort glauben.
    Die “andere Seite” präsentiert sich mit einer umwerfenden und aufgesetzten Fröhlichkeit in Hochglanz-Magazinen wie TOP-Frankfurt (Ausgabe Frühjahr 2013) mit “Pro statt contra” und ihrem Fossil “Ja zu Fra”.
    Balser (GF Operations Condor) sagt – und jetzt O-Ton: er LIEBT seinen Job…., so POSITIVES Business…., FREUE MICH…, als LEIDENSCHAFTLICHER Touristiker.., macht mich auch PERSÖNLICH GLÜCKLICH.., Uwe B. ist BEGESITERT…., ergänzt er LACHEND…., B. wird fast SENTIMENTAL…, und resümiert ZUFRIEDEN….
    Auf zwei Seiten präsentiert sich Herr B. eigentlich nur mit Ich-bezogenen und selbstsüchtigen Sätzen.
    Auch wieder aktuell: diese merkwürdigen Vergleiche mit unserem Handkäs’ u. Apfelwein…
    Außerdem soll sein Schnarchen lauter sein als der Fluglärm (google).
    Alles ohne Sinn und Verstand.

    Das Beben der Rumpelflieger wird einfach weg gelogen.

  2. Jeder muss wissen, dass das Wahrzeichen von Rhein Main und ganz Hessen heranwanzende Flugzeuge am Himmel sind, das hat man mit aller Macht geschafft.
    Neu hinzugekommen:
    Beschimpfungen, “blutige Nase” für Menschenfreund Peter Feldmann aus den eigenen Reihen, schnarchender Ego-Mann.
    Was für eine Brutstätte ist das nur geworden? Vor dem 21.1o.11 war die Welt noch in Ordnung.

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